Keine Nacht ist linear
So., 10.05.2026
Im Gespräch mit Benjamin William über sein bald erscheinendes Buch LATE NITE RADIO
Im Spätsommer 2025 beendete Benjamin William seine Arbeiten an dem bis heute unveröffentlichten Manuskript SPIEGELKRIEGER. Nur wenige Wochen später begann er bereits sein nächstes Projekt: das neue Buch LATE NITE RADIO, an dem er im vergangenen Herbst ausgiebig schrieb und es im letzten Dezember fertigstellte. Für diesen August ist die Veröffentlichung des Bandes, der nach NESSAYA als der zweite von Benjamin William & The Social Poetry Club erscheinen wird, vor wenigen Wochen bekanntgegeben worden.
Im hier erstmals veröffentlichten Interview, das Ende November 2025, mitten in der Produktion der Texte für LATE NITE RADIO, entstand, erzählt der Schriftsteller direkt aus der Entstehungszeit des neuen Gedichtbandes.
Q: Benjamin, dein neues Manuskript LATE NITE RADIO wirkt wie ein nächtlicher Stream aus Gedanken, Beobachtungen und Stimmungen. Wie hat sich die Idee für dieses Konzept entwickelt, und warum gerade die Metapher eines Radiosenders?
A: Ursprünglich hatte ich für dieses Projekt den Arbeitstitel REFLEKTOREN. Es sollte ein Band werden, der sich mit verschiedenen Fragen des Seins in den unterschiedlichen Ebenen, auf die wir uns begeben, beschäftigt. Das erste Stück, das ich dafür schrieb, war MIKROSKOP. Dieses Gedicht setzte den Ton, in dem ich weiterschreiben und die Figuren in ihrem Überwinden, Begreifen und Scheitern begleiten wollte: Wer bin ich jetzt in diesem Moment an diesem Ort? Was führt mich hierher, und wie komme ich von hier weg in ein anderes Bewusstsein? Das waren die ausgehenden Fragen, von denen ich die Leben und Läufe der einzelnen Figuren und deren Geschichten, die sie mitbringen, betrachten und untersuchen wollte. Die Nacht ist in vielen Stücken – und in meinem Schreiben generell – ein sehr präsentes Motiv. Aber dieses Mal wollte ich tiefer forschen und unterschiedlichste Momentaufnahmen beschreiben. Und Musik ist dabei für vieles und für viele Menschen eine permanente Begleitung. Die einzelnen Handlungen sollten fließen, parallel und doch ineinander geschlossen, wie ein Radioprogramm bei Nacht, das einen durch jene durchbringt, wenn die Fragezeichen der Figuren am lautesten werden.
Q: LATE NITE RADIO verbindet sehr unterschiedliche Stimmungen, von sehr intimen Momenten wie in DIE NACHT IST ANDERS und HIER FALLE ICH bis zu Beobachtungen wie in MIKROSKOP oder WARTEN. Wie entscheidest du beim Schreiben, welche Stimmung ein Stück bekommt, und wie ordnest du sie im Gesamtablauf des Buches ein?
A: Das entscheidet ein Gedicht immer selbst. Die ersten Worte setzen den Ton, die Stimmung, den Ort, an dem die Handlung geschieht, und dorthin gehe ich in mir, beobachte aus meiner Imagination heraus und halte alles fest, was ich darin wahrnehme. Das Schreiben setzt die Regeln fest, nicht ich. Ich kann einem Stück nichts aufdiktieren, meinen Gedanken und auch meinen Inspirationen in dem jeweiligen Moment nicht. Habe ich dann einige Stücke zusammen, von denen ich denke, dass sie zusammenpassen, beginne ich, aus ihnen eine erste Zusammenstellung zu formen, so, wie ich finde, dass sie gut miteinander sein können. Wenn dieses Grundgerüst steht, dieser rote Faden sozusagen, dann baut sich wie von alleine alles darum von selbst im Laufe eines Projektes. So arbeite ich seit einigen Jahren an meinen Büchern.
Q: Viele Stücke in LATE NITE RADIO wirken, als kämen sie aus sehr klaren inneren Bildern oder Szenen – manche beinahe filmisch, andere eher wie flüchtige akustische Fragmente. Gibt es beim Schreiben bestimmte Bilder, Geräusche oder Situationen, die immer wiederkehren und deine Texte antreiben?
A: Meine Prämisse ist es immer, die Momentaufnahme so realistisch wie möglich festzuhalten, damit sich der Leser damit verbinden kann. Dass er oder sie vor dem Gedicht etwas finden könnte, was ihn oder sie darin etwas angehen könnte. Es geht viel, denke ich, um das Suchen und das Finden, um das Wünschen und sich offen fürchten dürfen und das zu versuchen, wenn auch nur in der Minute des direkten Kontakts mit dem Gedicht, für sich selbst zuzulassen. Das ist mein Anspruch beim Schreiben, das schaffen zu können.
Q: Viele Texte in LATE NITE RADIO wirken gleichzeitig unmittelbar und doch bewusst zurückhaltend — nah genug, um emotional zu berühren, aber offen genug, um Projektionsflächen zu lassen. Wie entscheidest du beim Schreiben, wann ein Gedicht Nähe zulässt und wann es Distanz wahren muss?
A: Das entscheiden die Figuren in den Texten die meiste Zeit selbst, und ich schaue in eine Szenerie nie tiefer hinein, als es sich gehört. Manchmal kann dadurch der Fokus sehr, sehr deutlich und gezielt wirken, und manchmal ist die Linse nahezu verschwommen, und man muss wieder darauf schauen und wieder, bis die einzelnen Fetzen des Bildes alles für einen sagen können – oder eben nichts. Jedes Stück soll zu einem großen Ganzen gehören können, aber für sich eigenständig das große Ganze schon in sich tragen dürfen.
Q: Einige Stücke wie DIAGNOSE oder DIE LUFT IST NICHT RAUS stammen aus früheren Jahren und wurden als Archivtexte in das neue Manuskript integriert. Welche Bedeutung hatten diese älteren Texte für dich während der Arbeit an LATE NITE RADIO, und warum war es dir wichtig, sie unverändert zu belassen?
A: DIAGNOSE ist eines dieser Stücke, die in mein Bewusstsein kommen und dann gehen und nach Jahren wieder, wie aus dem Nichts, auftauchen, bis ich denke, für sie das passende Zuhause gefunden zu haben. Ich schrieb das Gedicht im Oktober 2020. Im Sommer 2025 war es wieder in meinem Kopf, und ich überarbeitete es nur minimal, noch vor dem Beginn der Arbeit an LATE NITE RADIO. Das andere Gedicht schrieb ich im Mai 2021 und veröffentlichte es auch direkt zu jener Zeit. Es fiel mir eines Abends während der Arbeit an LATE NITE RADIO wieder ein, ich suchte es heraus, las es und nahm es direkt unverändert in das Buch auf. Kein noch einmal sich damit auseinandersetzen, sondern ein bloßes Auswählen und Platzieren. Es hätte durchaus auch nur ein Platzhalter im Manuskript sein können, aber es blieb unverändert an derselben Stelle im Buch bestehen und wurde nicht weiter hinterfragt.
Q: Die allermeisten Texte in LATE NITE RADIO hast du komplett allein geschrieben, andere — wie DANN, DIE GEHEIME TÜR II oder DER LEERE RAUM — im gemeinsamen Editing weiterentwickelt. Wie hat dieser Wechsel zwischen alleiniger Arbeit und Zusammenarbeit deinen Blick auf das gesamte Buch beeinflusst?
A: Ich weiß immer, welche Richtung, welches Outlet meine Bücher haben sollen. Daher hat die gemeinsame Editierung der genannten Stücke nichts an meinem Blick auf das Buch geändert oder beeinflusst. Die Texte brauchten aus meiner Sicht eben diese nochmalige Betrachtung von außen, hätten aber auch ohne derer ihre Eigenständigkeit entfaltet. Ich entschied mich einfach für diese nun im Buch enthaltenen Fassungen.
Für das vorherige NESSAYA–Buch schrieb ich mit verschiedenen Autoren und Autorinnen die Hälfte der Texte. Ich mag diesen kreativen Austausch, wenn ich weiß, es trägt etwas zur Qualität der Arbeit bei. Sonst macht es keinen Sinn. Das ist die wichtigste Prämisse für mich. Auch, wenn LATE NITE RADIO unter der Autorschaft von Benjamin William & The Social Poetry Club erscheint – geschrieben darin habe ich aber alles alleine.
Q: LATE NITE RADIO wirkt trotz seiner Vielfalt sehr geschlossen, fast wie eine einzige lange Nacht, die man von Anfang bis Ende durchwandert. Welche Überlegungen haben die endgültige Reihenfolge der Stücke bestimmt — und wie weißt du, wann diese Dramaturgie „steht“?
A: Es ist alles nur Gespür, ob und wie eine Abfolge von Texten miteinander interagiert und zusammen wirkt. In all ihren Unterschiedlichkeiten soll diese Stücke jedoch etwas verbinden, sollen sie eine Art roten Faden, durch sich auch jeweils miteinander bedingt, herstellen. Ich wollte dieses Mal nicht, dass ein Text zu extrem herausfällt und diesen Fluss innerhalb des Bandes bricht. Keine Nacht ist linear, aber die Hauptmotive in den Gedichten sollten einander komplementieren wie in einem Gemälde: Jede Farbe darin braucht die andere Farbe neben sich, aber keine, die etwas zerstört oder entstellt. Das wollte ich, so gut es ging, in diesem Buch erreichen.
Q: In LATE NITE RADIO spielt die Nacht eine zentrale Rolle – mal als Bühne, mal als Stimmungsträger, mal als eigentliche Hauptfigur. Welche Bedeutung hat die Nacht für dein Schreiben generell, und warum ist sie gerade in diesem Band so präsent geworden?
A: In ihr entscheidet sich doch meist das Wesentliche im Leben. Daher war sie in den meisten Stücken der passende Hintergrund als Schauplatz, Motivation und als tatsächliche Bewegung für die einzelnen Figuren in ihren Fragen und Motiven, damit sie uns etwas erzählen, was sie zutiefst manchmal betrifft: Ich setze jetzt hier alles auf eine Karte und gebe – oder ergebe mich darin.
Q: Wenn du auf LATE NITE RADIO als Gesamtwerk blickst: Was hoffst du, bleibt den Leserinnen und Lesern nach dem letzten Gedicht, vielleicht sogar noch lange nach dem Schließen des Buches, in ihnen zurück?
A: Das Nachzeichnen eines Augenblicks, der vielleicht auch etwas von Anfang an mit ihnen selbst zu tun haben könnte.
Interview von David Thomsen, geführt am 23.11.2025
Alles, was wir haben, ist das Jetzt
Sa., 13.09.2025
Ein Gespräch mit Benjamin William über SPIEGELKRIEGER
Der Schriftsteller Benjamin William befindet sich in einer intensiven Schaffensphase. Erst im Juni 2025 veröffentlichte er seinen Gedichtband NESSAYA. Nur wenige Wochen später, im Hochsommer, entstand in bemerkenswerter Dichte ein neues Manuskript: SPIEGELKRIEGER. In einem Zeitraum von etwas mehr als einem Monat – zwischen dem 21. Juli und dem 25. August 2025 – schrieb William einen Zyklus von 37 Gedichten, die in ihrer Geschlossenheit wie in ihrer thematischen Dringlichkeit ein besonderes Gewicht tragen.
Die Texte von SPIEGELKRIEGER sind politisch, vielstimmig und unversöhnlich. Sie stellen Fragen an eine Gesellschaft, die sich an Wendepunkten befindet, und geben Figuren eine Stimme, deren Perspektiven sonst zu oft unsichtbar bleiben. Von den Opfern rassistischer Gewalt bis hin zu anonymisierten Stimmen aus der Arbeitswelt, von privaten, zersplitterten Momenten bis zu globalen Verweisen auf Konflikte und Kriege – der Zyklus verschränkt individuelle und kollektive Erfahrungen zu einem Panorama, das sich nicht in wohlgefälliger Lyrik auflösen will.
Auffällig ist dabei die Dringlichkeit, mit der William schreibt. Er selbst beschreibt die Texte nicht als geplantes Projekt, sondern als eine Arbeit, die sich geradezu aufgedrängt hat, als eine Stimme, die durch ihn hindurch wollte und musste. Jedes Gedicht ist wie ein Protokoll eines Moments, einer Situation, einer inneren oder äußeren Erschütterung. Gemeinsam bilden sie ein Netz aus Spiegelungen und Brüchen, das sich sowohl an den Leser wie an die Gesellschaft richtet.
Ob SPIEGELKRIEGER in naher Zukunft veröffentlicht wird, ist offen. Doch schon jetzt markiert das Manuskript eine der politischsten und kompromisslosesten Arbeiten in Williams bisherigem Werk. Im Gespräch erklärt er, was ihn zu dieser Arbeit getrieben hat, wie er sich den Stimmen seiner Figuren annähert und warum er seine Kunst nicht als berechnetes, sondern als notwendiges Handeln versteht.
Q: Vor drei Monaten erschien dein Band Nessaya. Nun hast du in diesem Sommer bereits ein neues Manuskript abgeschlossen – SPIEGELKRIEGER. Kannst du uns etwas über dieses Projekt erzählen?
A: Es ist ein Zyklus mit 37 Gedichten, den ich innerhalb weniger Wochen in diesem Sommer schrieb. Es war eine sehr dringliche Arbeit, die die Um- und Zustände unserer Gesellschaft beobachten und beschreiben. Ich musste diese Texte aus meinem System bekommen, weil sie gesagt werden wollten.
Q: Es klingt fast etwas Unbedingtes mit, so, als hätten die Texte dich gefunden. Wie würdest du diesen Prozess beschreiben?
A: Diese Texte kamen von alleine zu mir. Sie waren dringlich und keine Zeile konnte ungeschrieben verklingen. Wir stehen als Gesellschaft an Wendepunkten. Es sind entscheidende Zeiten, und ich weiß, das sagt man immer. Aber dieses Mal sind wir gefühlt tatsächlich vor einem Wandel, der uns als Gesellschaft für Jahrzehnte prägen wird.
Q: Deine Arbeit wirkt in SPIEGELKRIEGER sehr politisch – sie ist nah an aktuellen Krisen, Gewalt, gesellschaftlichen Brüchen. Wie gelingt dir dabei die Balance zwischen Kunst und Stellungnahme?
A: Die Gedichte kommen, wie sie geschrieben werden wollen und auch sollen, in ihrem jeweiligen Moment. So, wie Kreativität geschehen will, wann immer sie es entscheidet, und dabei hat nicht der Künstler das Sagen. Die Themen in dem Manuskript sind akut, sie sind absolut notwendig, sie sind Projektionsflächen und Reflektoren zugleich. Und diese Themen müssen in ein Bewusstsein, in unserem als Gesellschaft, sonst erstarren wir weiter, und ich als Künstler wehre mich dagegen.
Q: Bedeutet das, dass du das Publikum beim Schreiben völlig ausblendest?
A: Wenn ein Künstler weiß, wie solch einer Balanceakt gelingt, dann agiert er aus Berechnung. Und ich will das für meine Kunst nicht. Sie soll impulsiv sein, etwas auslösen, anregen und, wenn möglich, bewegen, womit sie nachhaltig wird. Und das ist mein Versuch, wenn ich an einem Projekt arbeite, mehr nicht.
Q: Und was entscheidet dann über das Thema, das du in einem Gedichtzyklus bearbeitest?
A: Ich entscheide es nicht, sondern der Ausgangspunkt selbst, das Thema, das nach Ausdruck verlangt. Und in diesem Manuskript vereinen sich diese Themen durch die Figuren, die sie ansprechen, durchleben und auch hinter sich lassen.
Q: Deine Figuren wirken oft wie Spiegel, wie Stimmen, die aus einer kollektiven Erfahrung sprechen. Wie gehst du an ihre Perspektiven heran?
A: Ich begebe mich immer in die Perspektive der Figur. Ich schreibe so, wie das Dringliche sich aus deren Sicht darstellen könnte, und nicht aus der Vorstellung heraus, wie das Publikum es aufnehmen könnte. Ich mag und will keine Berechnung in meiner Kunst. Würde es danach gehen, dann bräuchte ich nur über schöne und banale Dinge und Themen schreiben, weil mir klar ist, dass politische Literatur erstmal mit Abstand begegnet wird und raue, unschöne Begebenheiten am liebsten gemieden werden, auch von einem breiteren Publikum. Das Leben ist sorgenvoll genug, dann wollen die meisten Menschen damit nicht auch noch auf intellektuelle Weise beschallt werden. Traurig, aber wahr.
Q: Und doch entsteht dadurch eine Form von Gemeinsamkeit.
A: Jede Stimme in dem Band erzählt eine eigene, individuelle Geschichte, wie sie unzählig in unserer Gesellschaft gelebt und durchlebt, ja, gar durchgestanden werden. Jede Figur in den Texten ist also ein Spiegelbild von dem, wer wir einzeln oder im Kollektiv sind. So sehr sie voneinander parallel getrennt erscheinen, sind sie aber das, was wir in einem Gemeinsam darstellen.
Q: Heißt das, du siehst SPIEGELKRIEGER auch als dein politischstes Werk?
A: Es sind die politischsten Texte, die ich je schrieb, ja. Aber ich weiß nicht, wann oder wie ich sie veröffentliche. Ich denke, es braucht erstmal kein neues Buch von mir, und vielleicht rede ich in drei Monaten schon gar nicht mehr von diesem Projekt. Aber in der Zeit seiner Entstehung und jetzt unmittelbar danach ist es das dringlichste, was ich künstlerisch zu sagen habe.
Q: Rückblickend – wie schaust du heute auf diesen Sommer zurück, in dem das Manuskript entstand?
A: Es ist ganz einfach: Diese Texte mussten geschrieben werden. Der Moment ihrer Notwendigkeit musste festgehalten werden. Er konnte nicht einfach unbeachtet vergehen.
Q: Und was bleibt nun, nachdem die Arbeit getan ist?
A: Meine Kunst geschieht in den Augenblicken, wenn sie geschehen will, ja, wenn sie gesagt sein muss. Alles, was wir haben, ist das Jetzt. Und was wir als Gesellschaft gefühlt nur noch übrig haben, sind Risse, die kaum noch zu kitten scheinen, Mauern, und Brücken, die immer weniger geschlagen werden. Jedoch denke ich, dass diese Texte nachhallen werden, ob veröffentlicht oder nicht. Sie sind ja in dieser Welt. Sie sind ja da, schwarz auf weiß. Sie werden gefunden werden – so oder so.