Wenn ich schon etwas über das Gedicht weiß, bevor ich es schreibe, dann wird es ein schlechtes

Mi., 30.09.2026
Im Gespräch mit Benjamin William über LATE NITE RADIO, sein Werk hinter dem Werk, literarische Figuren, Intuition und die Freiheit, Texte loszulassen

Mit LATE NITE RADIO hat Benjamin William im August 2026 sein aktuelles Buch veröffentlicht. Das Buch markiert seinen gegenwärtigen öffentlichen künstlerischen Standpunkt – zugleich arbeitet der Autor längst an anderen Richtungen. Hinter dem veröffentlichten Werk existiert ein umfangreiches Archiv aus mehr als drei Jahrzehnten literarischer Arbeit: unveröffentlichte Gedichte, Texte, Skizzen und vollständig ausgearbeitete Manuskripte.

Im Gespräch geht es zunächst um den eigenen Arbeitsprozess: um Projekte, die entstehen und wieder verschwinden, um die Entscheidung zwischen Veröffentlichung und Zurückhaltung und um die Frage, wann ein Text für seinen Autor überhaupt vollständig ist. Von dort führt das Gespräch zu literarischer Stimme, zur Ehrlichkeit erfundener Figuren und zu einer Schreibweise, die weniger konstruiert als beobachtet werden will.

Benjamin William spricht über seine Haltung als Autor, über die Gleichzeitigkeit von Schreiben und Lesen und über die Freiheit, einen fertigen Text schließlich aus der eigenen Hand zu geben.

01 — LATE NITE RADIO

Q: Du hast LATE NITE RADIO frisch veröffentlicht. Wenn du heute auf dieses Buch blickst – nicht mehr als Autor, der gerade daran gearbeitet hat, sondern mit ein wenig Abstand: Was ist LATE NITE RADIO für dich innerhalb deines bisherigen Werks? Ist es eher eine Zusammenfassung dessen, wo du bisher angekommen bist, ein Übergang zu etwas Neuem – oder würdest du sagen, dass es etwas macht, was deine vorherigen Bücher so noch nicht gemacht haben?

A: Jedes Buch ist etwas Eigenes. Es ist nicht vergleichbar mit dem vorherigen oder mit dem, woran man gerade arbeitet. LATE NITE RADIO ist etwas ganz anderes als NESSAYA, das eine Zusammenarbeit mit vielen anderen Autorinnen und Autoren war. Ursprünglich sollte LATE NITE RADIO daran anknüpfen, aber ich entschied mich dafür, wieder primär alleine zu arbeiten. Auch wenn die Autorschaft des Buches etwas anderes sagt, die dem ursprünglichen Ansatz des Buches geschuldet ist, ist nur sehr wenig im Austausch mit anderen Wortkünstlern entstanden. Und LATE NITE RADIO ist mein öffentlicher, künstlerischer Standpunkt jetzt. Darin steht alles, was ich jetzt nach außen sagen wollte. Hinter den Kulissen habe ich aber schon längst andere Richtungen eingeschlagen und trage mir die Stoffe in einem Flüstern zu, damit niemand davon schon etwas hören kann.

02 — Das Werk hinter dem Werk

Q: Wenn du sagst, LATE NITE RADIO sei dein öffentlicher künstlerischer Standpunkt jetzt, würde mich interessieren, was genau dieser Standpunkt für dich bedeutet. Nicht unbedingt in Bezug auf Themen oder Stil, sondern auf deine Haltung als Autor: Was zeigt LATE NITE RADIO von dir, das du heute bewusst öffentlich zeigen willst – und was von dem, was du inzwischen machst, hältst du noch zurück, weil es noch nicht an die Öffentlichkeit gehört oder vielleicht überhaupt nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist?

A: Jeder ernsthafte Künstler hat ein Werk hinter dem Werk, das niemand kennt, außer der Kreierende selbst. So ist es auch bei mir. Ich schreibe jetzt über dreißig Jahre, und da hat sich eine Fülle an Material angesammelt, das im Archiv liegt und bisher nicht ans Tageslicht kam. Ich hüte all das wie einen Schatz. Auch wenn ich kaum darauf zurückgreife.
Wenn ich normalerweise ein Buchprojekt starte, fange ich bei null an. Ich will mir ganz von vorn eine neue Welt erschließen. Und manchmal halte ich es durch, diese Welt zu formen mit neuen Figuren, mit einer kohärenten Sammlung von Texten, und manchmal breche ich Projekte wieder ab.
Es gibt einige, auch fertige Buchmanuskripte, die ich nie veröffentlicht habe. Die Ideen kommen halt, wann sie wollen. Aber so schnell wie sie kommen, so schnell kann mich auch der Reiz an einer Idee wieder verlassen, und ich beginne mit etwas Neuem.

03 — Wann ein Projekt endet

Q: Du sagst, dass du bei einem neuen Buchprojekt normalerweise bei null anfängst und dir eine neue Welt erschließt. Gleichzeitig gibt es fertige Manuskripte, die du nie veröffentlicht hast, und Projekte, die du irgendwann abbrichst, weil der Reiz an ihnen verschwunden ist. Woran merkst du, dass ein Projekt für dich "fertig" ist – und woran merkst du, dass du es loslassen musst? Ist das eine eher intuitive Entscheidung, bei der du irgendwann einfach spürst: Diese Welt interessiert mich nicht mehr? Oder gibt es für dich bestimmte Kriterien, an denen du erkennst, dass ein Manuskript tatsächlich ein Buch geworden ist?

A: Es kommt oft vor, dass ich zwei, drei Projektideen parallel aufgreife, die jede einzeln für sich betrachtet einen Reiz ausüben, dem ich auf den Grund gehen will. Dann stürze ich mich in die Vorbereitung, mache einen vorläufigen Blueprint über das Projekt, und dann beginne ich mit dem Schreiben.
Mal kann es sein, dass ich dann nach kurzer Zeit schon für mich herausfinde: Dies oder das hat doch nicht die Überzeugung für mich, dass ich es weiterverfolge. Andersherum kann es sein, dass ich an dem Projekt bis zum Ende arbeite, aber mir denke, es braucht jetzt noch etwas Zeit für sich allein, und dann kommt der Moment, in dem es bereit ist, in die Welt hinausgeschickt zu werden. Und in der Zwischenzeit kommt mir wieder eine neue Idee, und das fertig erarbeitete Buch oder Projekt verschwindet aus dem Fokus.
Ich denke, es ist oft die Intuition eines Künstlers, die über Veröffentlichung oder Zurückhalten entscheidet. Ob das richtig oder falsch ist, ist von außen betrachtet eine ganz andere Frage. Für mich ist nur wichtig, dass ich autonom arbeiten will. Ich gebe mir meinen eigenen Plan. Meine eigenen Deadlines. Und ich kann all das immer wieder über Bord werfen. Meine künstlerische Freiheit besteht nicht nur darin, dass ich schreiben kann, was immer ich will, sondern auch darin, wann ich wie etwas herausgebe.

04 — Wann ein Text vollständig ist

Q: Wenn ein fertiges Manuskript bei dir im Archiv verschwindet und du dich anschließend einer neuen Welt zuwendest – betrachtest du dieses zurückgehaltene Werk dann trotzdem als Teil deines veröffentlichten Gesamtwerks, nur eben als unsichtbaren Teil? Oder ist es für dich tatsächlich so, dass ein Text erst durch die Veröffentlichung zu einem Bestandteil deines künstlerischen Werks wird? Muss ein Werk überhaupt von anderen gelesen werden, damit es für dich als Werk vollständig existiert?

A: Ein Gedicht, ein Text ist für mich vollständig, wenn ich es fertig geschrieben habe. Und ich schreibe zu 99 Prozent meine Texte in einem Zuge fertig. Da gibt es keine Nachbearbeitung. Ich will den Ursprungsmoment des Stücks nicht verändern.
Unveröffentlichtes Material ist natürlich Teil meines Gesamtwerks, aber es ist für mich erst veröffentlicht, wenn es von außen öffentlich betrachtet werden kann.

05 — Der Blick zurück

Q: Du schreibst seit über dreißig Jahren, und in dem Material, das du im Archiv hast, liegen Texte aus sehr unterschiedlichen Phasen deines Lebens.
Wenn du heute einen Text von dir aus dem Jahr 2003 oder 2010 liest: Liest du darin noch denselben Autor, der du heute bist? Oder ist das für dich eher wie das Betrachten eines alten Fotos: Du erkennst, dass es von dir stammt, vielleicht sogar sehr genau, was dich damals beschäftigt hat – aber du würdest heute nicht mehr versuchen, diesen Menschen oder diesen Autor zurückzuholen?

A: Jede Phase, in der man als Mensch, als Künstler irgendwann mal war, ist für sich abgeschlossen. Wenn ich 2007 zum Beispiel einen Text schrieb und mir fällt er heute in die Hände, dann ist das immer noch ein Text von mir.
Dass ich heute Dinge, Umstände, Formen und Farben, Szenen, Einstellungen anders betrachte und dadurch anders beschreibe und heraushebe, ist logisch: Ich wachse ja, ich gehe weiter, man verändert sich. Wir alle bekommen neue Blickwinkel; Betrachtungen ändern sich. Ich denke aber nicht: Oh Gott, was habe ich da bloß geschrieben, oder ich erkenne mich darin gar nicht wieder. Ich weiß schon noch, wie meine literarische Stimme vor fünfzehn Jahren klang, wie ich durch sie vor zehn Jahren sprach oder noch letztes Jahr. Das alles bin ja ich. Ich habe das ja erschaffen.
 

06 — Die literarische Stimme

Q: Wenn du sagst „Das alles bin ich“, interessiert mich der Begriff der literarischen Stimme.
Du hast gerade von unterschiedlichen Stimmen gesprochen, durch die du gesprochen hast. Glaubst du, dass sich deine literarische Stimme verändert – oder verändert sich eigentlich nur das Instrument, mit dem du immer dieselbe Stimme hörbar machst?
Anders gefragt: Wenn jemand, der dein gesamtes Werk kennt, einen völlig neuen Text von dir liest, was müsste darin vorhanden sein, damit er sofort sagen würde: Das ist Benjamin William?

A: Die Ehrlichkeit, mit der meine lyrischen Figuren darin sprechen. Nimmt man Figur A ab, dass sie das so meint, wovon sie in den Zeilen spricht, dann habe ich mich selbst mit einem Text von mir überzeugt.

07 — Die Wahrheit der Figur

Q: Wie viel von dir selbst steckt eigentlich in deinen Figuren? Wenn du eine Figur schreibst, die etwas denkt, fühlt oder tut, was du als Benjamin William vielleicht niemals denken, fühlen oder tun würdest – musst du trotzdem einen persönlichen Zugang zu dieser Figur finden?
Oder anders gefragt: Kannst du eine Figur vollkommen ernst nehmen, ohne sie selbst zu verstehen oder ihr Verhalten gutzuheißen?

A: Ja, das kann ich. Das muss ich können.
Die seltensten Texte sind autobiografisch. Daher muss mich meine Vorstellungskraft von einer Figur, von einem Sujet, von einem Milieu, über das ich schreibe, aber persönlich oder biografisch keinen Bezug dazu habe, überzeugen. Sonst kann ich meine eigenen Worte nicht ernst nehmen und ihnen nicht glauben.
Ich schreibe zum Beispiel über Figuren, die nachts durch die Straßen ziehen und Gewalt ausüben oder Chaos verursachen, weil irgendetwas in ihnen durchbrennt. Ich selbst bin nicht solch ein Jemand, aber ich muss als Schriftsteller die Fantasie dafür aufbringen können, was sich in einer Figur zusammenwirft, dass sie loszieht und Unruhe macht. Schaffe ich das nicht, dann bin ich als Autor in einem Text abgesoffen, und eine Ambition ist gescheitert.

08 — Der unsichtbare Beobachter

Q: Wenn du eine solche Figur gefunden hast und ihr glaubst: Wie viel Kontrolle hast du dann noch über sie? Planst du ihre Entwicklung und ihre Sprache im Voraus – also weißt du beim Schreiben schon ziemlich genau, wohin eine Figur gehen wird? Oder gibt es diesen Moment, in dem eine Figur durch ihre eigene innere Logik plötzlich etwas tut oder sagt, womit du beim Schreiben selbst nicht gerechnet hast?

A: Ich plane nicht: Das ist der Anfang, das ist der Ausgangspunkt, und das Ende muss die Figur so und so erreichen. Wenn ich schon etwas über das Gedicht weiß, bevor ich es schreibe, dann wird es ein schlechtes.
Ich begleite eine Figur wie einen unsichtbaren Beobachter, wie ein Dokumentarfilmer, der Stimmung, Spannung, Szenerie, Wirkung festhalten will. Ich will etwas offenlegen. Ich will den Finger zwischen den Riss legen. Ich will selber dabei erstaunt sein. Oder verblüfft. Oder einfach nur hinsehen, ohne etwas direkt für mich einordnen zu können. Ein Text soll etwas auslösen und dadurch in einem etwas hinterlassen, das sich bewegt.

09 — Was ein Text zurücklässt

Q: Du sagst: "Ich will den Finger zwischen den Riss legen.“ Das klingt, als müsse ein Text für dich nicht unbedingt eine Antwort geben – vielleicht sogar im Gegenteil. Muss Literatur für dich etwas offenlassen? Und wenn du einen Text beendet hast, der dich selbst mit einer Frage, einem Unbehagen oder sogar einem Gefühl zurücklässt, das du nicht vollständig auflösen kannst: Ist das für dich ein Zeichen, dass der Text funktioniert? Oder gibt es auch den Moment, in dem du beim fertigen Text denkst: Jetzt habe ich verstanden, was ich eigentlich sagen wollte?

A: Beides. Und der Text entscheidet am Ende, wenn er geschrieben ist, was er davon zurücklässt. Bei mir als Autor, aber auch als Leser. Ich bin ja immer beides in einer Funktion. Und ich will dabei etwas schreiben, das mich selber interessiert. Ich schreibe mich ja selbst nicht in die komplette Langeweile, sodass mir die Augen beim Kreieren zufallen. Dann würde ich nie wieder einen Stift anfassen. Dann wüsste ich, ich hätte nichts mehr zu sagen.

10 — Wem gehört ein Text?

Q: Wenn du sagst, "der Text entscheidet am Ende, was er zurücklässt", steckt darin auch eine bestimmte Vorstellung von Autonomie des Textes. Ab welchem Moment gehört ein Text für dich nicht mehr dir? In dem Augenblick, in dem du ihn fertiggeschrieben hast? In dem Augenblick, in dem du ihn veröffentlichst? Oder erst dann, wenn jemand anderes ihn liest und etwas darin findet, das vielleicht sogar völlig anders ist als das, was du selbst darin gesehen hast? Und vielleicht noch zugespitzter: Kann ein Leser einen Text von dir besser verstehen als du selbst?

A: Jeder Text hat seine eigenen Begegnungen. Mit mir, mit anderen, mit völlig verschiedenen Ausgangslagen des jeweiligen Lesers. Ich habe einen Text zwar geschrieben und alles an ihm gehört mir, das Urheberrecht, usw., aber er kann auch dem gehören, der ihn liest und für sich derart überzeugend findet, dass man sich mit dem Gesagten beschäftigt. Würde ich mich an meine Texte klammern, dann hätte ich nie ein Stück veröffentlicht. Dann wäre ich ein Verräter an dem Kosmos meiner inneren Welt, der alles hervorgebracht hat auf so vielen Seiten, die von mir bleiben werden, nachdem eines Tages der letzte Punkt auf dem Papier getrocknet sein wird. 

 

Interview von David Thomsen, geführt am 01.09.2026

Keine Nacht ist linear

So., 10.05.2026
Im Gespräch mit Benjamin William über sein bald erscheinendes Buch LATE NITE RADIO

Im Spätsommer 2025 beendete Benjamin William seine Arbeiten an dem bis heute unveröffentlichten Manuskript SPIEGELKRIEGER. Nur wenige Wochen später begann er bereits sein nächstes Projekt: das neue Buch LATE NITE RADIO, an dem er im vergangenen Herbst ausgiebig schrieb und es im letzten Dezember fertigstellte. Für diesen August ist die Veröffentlichung des Bandes, der nach NESSAYA als der zweite von Benjamin William & The Social Poetry Club erscheinen wird, vor wenigen Wochen bekanntgegeben worden.

Im hier erstmals veröffentlichten Interview, das Ende November 2025, mitten in der Produktion der Texte für LATE NITE RADIO, entstand, erzählt der Schriftsteller direkt aus der Entstehungszeit des neuen Gedichtbandes.

Q: Benjamin, dein neues Manuskript LATE NITE RADIO wirkt wie ein nächtlicher Stream aus Gedanken, Beobachtungen und Stimmungen. Wie hat sich die Idee für dieses Konzept entwickelt, und warum gerade die Metapher eines Radiosenders?

A: Ursprünglich hatte ich für dieses Projekt den Arbeitstitel REFLEKTOREN. Es sollte ein Band werden, der sich mit verschiedenen Fragen des Seins in den unterschiedlichen Ebenen, auf die wir uns begeben, beschäftigt. Das erste Stück, das ich dafür schrieb, war MIKROSKOP. Dieses Gedicht setzte den Ton, in dem ich weiterschreiben und die Figuren in ihrem Überwinden, Begreifen und Scheitern begleiten wollte: Wer bin ich jetzt in diesem Moment an diesem Ort? Was führt mich hierher, und wie komme ich von hier weg in ein anderes Bewusstsein? Das waren die ausgehenden Fragen, von denen ich die Leben und Läufe der einzelnen Figuren und deren Geschichten, die sie mitbringen, betrachten und untersuchen wollte. Die Nacht ist in vielen Stücken – und in meinem Schreiben generell – ein sehr präsentes Motiv. Aber dieses Mal wollte ich tiefer forschen und unterschiedlichste Momentaufnahmen beschreiben. Und Musik ist dabei für vieles und für viele Menschen eine permanente Begleitung. Die einzelnen Handlungen sollten fließen, parallel und doch ineinander geschlossen, wie ein Radioprogramm bei Nacht, das einen durch jene durchbringt, wenn die Fragezeichen der Figuren am lautesten werden.

Q: LATE NITE RADIO verbindet sehr unterschiedliche Stimmungen, von sehr intimen Momenten wie in DIE NACHT IST ANDERS und HIER FALLE ICH bis zu Beobachtungen wie in MIKROSKOP oder WARTEN. Wie entscheidest du beim Schreiben, welche Stimmung ein Stück bekommt, und wie ordnest du sie im Gesamtablauf des Buches ein?

A: Das entscheidet ein Gedicht immer selbst. Die ersten Worte setzen den Ton, die Stimmung, den Ort, an dem die Handlung geschieht, und dorthin gehe ich in mir, beobachte aus meiner Imagination heraus und halte alles fest, was ich darin wahrnehme. Das Schreiben setzt die Regeln fest, nicht ich. Ich kann einem Stück nichts aufdiktieren, meinen Gedanken und auch meinen Inspirationen in dem jeweiligen Moment nicht. Habe ich dann einige Stücke zusammen, von denen ich denke, dass sie zusammenpassen, beginne ich, aus ihnen eine erste Zusammenstellung zu formen, so, wie ich finde, dass sie gut miteinander sein können. Wenn dieses Grundgerüst steht, dieser rote Faden sozusagen, dann baut sich wie von alleine alles darum von selbst im Laufe eines Projektes. So arbeite ich seit einigen Jahren an meinen Büchern.

Q: Viele Stücke in LATE NITE RADIO wirken, als kämen sie aus sehr klaren inneren Bildern oder Szenen – manche beinahe filmisch, andere eher wie flüchtige akustische Fragmente. Gibt es beim Schreiben bestimmte Bilder, Geräusche oder Situationen, die immer wiederkehren und deine Texte antreiben?

A: Meine Prämisse ist es immer, die Momentaufnahme so realistisch wie möglich festzuhalten, damit sich der Leser damit verbinden kann. Dass er oder sie vor dem Gedicht etwas finden könnte, was ihn oder sie darin etwas angehen könnte. Es geht viel, denke ich, um das Suchen und das Finden, um das Wünschen und sich offen fürchten dürfen und das zu versuchen, wenn auch nur in der Minute des direkten Kontakts mit dem Gedicht, für sich selbst zuzulassen. Das ist mein Anspruch beim Schreiben, das schaffen zu können.

Q: Viele Texte in LATE NITE RADIO wirken gleichzeitig unmittelbar und doch bewusst zurückhaltend — nah genug, um emotional zu berühren, aber offen genug, um Projektionsflächen zu lassen. Wie entscheidest du beim Schreiben, wann ein Gedicht Nähe zulässt und wann es Distanz wahren muss?

A: Das entscheiden die Figuren in den Texten die meiste Zeit selbst, und ich schaue in eine Szenerie nie tiefer hinein, als es sich gehört. Manchmal kann dadurch der Fokus sehr, sehr deutlich und gezielt wirken, und manchmal ist die Linse nahezu verschwommen, und man muss wieder darauf schauen und wieder, bis die einzelnen Fetzen des Bildes alles für einen sagen können – oder eben nichts. Jedes Stück soll zu einem großen Ganzen gehören können, aber für sich eigenständig das große Ganze schon in sich tragen dürfen.

 

Q: Einige Stücke wie DIAGNOSE oder DIE LUFT IST NICHT RAUS stammen aus früheren Jahren und wurden als Archivtexte in das neue Manuskript integriert. Welche Bedeutung hatten diese älteren Texte für dich während der Arbeit an LATE NITE RADIO, und warum war es dir wichtig, sie unverändert zu belassen?

A: DIAGNOSE ist eines dieser Stücke, die in mein Bewusstsein kommen und dann gehen und nach Jahren wieder, wie aus dem Nichts, auftauchen, bis ich denke, für sie das passende Zuhause gefunden zu haben. Ich schrieb das Gedicht im Oktober 2020. Im Sommer 2025 war es wieder in meinem Kopf, und ich überarbeitete es nur minimal, noch vor dem Beginn der Arbeit an LATE NITE RADIO. Das andere Gedicht schrieb ich im Mai 2021 und veröffentlichte es auch direkt zu jener Zeit. Es fiel mir eines Abends während der Arbeit an LATE NITE RADIO wieder ein, ich suchte es heraus, las es und nahm es direkt unverändert in das Buch auf. Kein noch einmal sich damit auseinandersetzen, sondern ein bloßes Auswählen und Platzieren. Es hätte durchaus auch nur ein Platzhalter im Manuskript sein können, aber es blieb unverändert an derselben Stelle im Buch bestehen und wurde nicht weiter hinterfragt.

Q: Die allermeisten Texte in LATE NITE RADIO hast du komplett allein geschrieben, andere — wie DANN, DIE GEHEIME TÜR II oder DER LEERE RAUM — im gemeinsamen Editing weiterentwickelt. Wie hat dieser Wechsel zwischen alleiniger Arbeit und Zusammenarbeit deinen Blick auf das gesamte Buch beeinflusst?

A: Ich weiß immer, welche Richtung, welches Outlet meine Bücher haben sollen. Daher hat die gemeinsame Editierung der genannten Stücke nichts an meinem Blick auf das Buch geändert oder beeinflusst. Die Texte brauchten aus meiner Sicht eben diese nochmalige Betrachtung von außen, hätten aber auch ohne derer ihre Eigenständigkeit entfaltet. Ich entschied mich einfach für diese nun im Buch enthaltenen Fassungen.
Für das vorherige NESSAYA–Buch schrieb ich mit verschiedenen Autoren und Autorinnen die Hälfte der Texte. Ich mag diesen kreativen Austausch, wenn ich weiß, es trägt etwas zur Qualität der Arbeit bei. Sonst macht es keinen Sinn. Das ist die wichtigste Prämisse für mich. Auch, wenn LATE NITE RADIO unter der Autorschaft von Benjamin William & The Social Poetry Club erscheint – geschrieben darin habe ich aber alles alleine.

Q: LATE NITE RADIO wirkt trotz seiner Vielfalt sehr geschlossen, fast wie eine einzige lange Nacht, die man von Anfang bis Ende durchwandert. Welche Überlegungen haben die endgültige Reihenfolge der Stücke bestimmt — und wie weißt du, wann diese Dramaturgie „steht“?

A: Es ist alles nur Gespür, ob und wie eine Abfolge von Texten miteinander interagiert und zusammen wirkt. In all ihren Unterschiedlichkeiten soll diese Stücke jedoch etwas verbinden, sollen sie eine Art roten Faden, durch sich auch jeweils miteinander bedingt, herstellen. Ich wollte dieses Mal nicht, dass ein Text zu extrem herausfällt und diesen Fluss innerhalb des Bandes bricht. Keine Nacht ist linear, aber die Hauptmotive in den Gedichten sollten einander komplementieren wie in einem Gemälde: Jede Farbe darin braucht die andere Farbe neben sich, aber keine, die etwas zerstört oder entstellt. Das wollte ich, so gut es ging, in diesem Buch erreichen.

Q: In LATE NITE RADIO spielt die Nacht eine zentrale Rolle – mal als Bühne, mal als Stimmungsträger, mal als eigentliche Hauptfigur. Welche Bedeutung hat die Nacht für dein Schreiben generell, und warum ist sie gerade in diesem Band so präsent geworden?

A: In ihr entscheidet sich doch meist das Wesentliche im Leben. Daher war sie in den meisten Stücken der passende Hintergrund als Schauplatz, Motivation und als tatsächliche Bewegung für die einzelnen Figuren in ihren Fragen und Motiven, damit sie uns etwas erzählen, was sie zutiefst manchmal betrifft: Ich setze jetzt hier alles auf eine Karte und gebe – oder ergebe mich darin.

Q: Wenn du auf LATE NITE RADIO als Gesamtwerk blickst: Was hoffst du, bleibt den Leserinnen und Lesern nach dem letzten Gedicht, vielleicht sogar noch lange nach dem Schließen des Buches, in ihnen zurück?

A: Das Nachzeichnen eines Augenblicks, der vielleicht auch etwas von Anfang an mit ihnen selbst zu tun haben könnte.

 

Interview von David Thomsen, geführt am 23.11.2025

Alles, was wir haben, ist das Jetzt

Sa., 13.09.2025
Ein Gespräch mit Benjamin William über SPIEGELKRIEGER

Der Schriftsteller Benjamin William befindet sich in einer intensiven Schaffensphase. Erst im Juni 2025 veröffentlichte er seinen Gedichtband NESSAYA. Nur wenige Wochen später, im Hochsommer, entstand in bemerkenswerter Dichte ein neues Manuskript: SPIEGELKRIEGER. In einem Zeitraum von etwas mehr als einem Monat – zwischen dem 21. Juli und dem 25. August 2025 – schrieb William einen Zyklus von 37 Gedichten, die in ihrer Geschlossenheit wie in ihrer thematischen Dringlichkeit ein besonderes Gewicht tragen.

Die Texte von SPIEGELKRIEGER sind politisch, vielstimmig und unversöhnlich. Sie stellen Fragen an eine Gesellschaft, die sich an Wendepunkten befindet, und geben Figuren eine Stimme, deren Perspektiven sonst zu oft unsichtbar bleiben. Von den Opfern rassistischer Gewalt bis hin zu anonymisierten Stimmen aus der Arbeitswelt, von privaten, zersplitterten Momenten bis zu globalen Verweisen auf Konflikte und Kriege – der Zyklus verschränkt individuelle und kollektive Erfahrungen zu einem Panorama, das sich nicht in wohlgefälliger Lyrik auflösen will.

Auffällig ist dabei die Dringlichkeit, mit der William schreibt. Er selbst beschreibt die Texte nicht als geplantes Projekt, sondern als eine Arbeit, die sich geradezu aufgedrängt hat, als eine Stimme, die durch ihn hindurch wollte und musste. Jedes Gedicht ist wie ein Protokoll eines Moments, einer Situation, einer inneren oder äußeren Erschütterung. Gemeinsam bilden sie ein Netz aus Spiegelungen und Brüchen, das sich sowohl an den Leser wie an die Gesellschaft richtet.

Ob SPIEGELKRIEGER in naher Zukunft veröffentlicht wird, ist offen. Doch schon jetzt markiert das Manuskript eine der politischsten und kompromisslosesten Arbeiten in Williams bisherigem Werk. Im Gespräch erklärt er, was ihn zu dieser Arbeit getrieben hat, wie er sich den Stimmen seiner Figuren annähert und warum er seine Kunst nicht als berechnetes, sondern als notwendiges Handeln versteht.

Q: Vor drei Monaten erschien dein Band Nessaya. Nun hast du in diesem Sommer bereits ein neues Manuskript abgeschlossen – SPIEGELKRIEGER. Kannst du uns etwas über dieses Projekt erzählen?

A: Es ist ein Zyklus mit 37 Gedichten, den ich innerhalb weniger Wochen in diesem Sommer schrieb. Es war eine sehr dringliche Arbeit, die die Um- und Zustände unserer Gesellschaft beobachten und beschreiben. Ich musste diese Texte aus meinem System bekommen, weil sie gesagt werden wollten.

Q: Es klingt fast etwas Unbedingtes mit, so, als hätten die Texte dich gefunden. Wie würdest du diesen Prozess beschreiben?

A: Diese Texte kamen von alleine zu mir. Sie waren dringlich und keine Zeile konnte ungeschrieben verklingen. Wir stehen als Gesellschaft an Wendepunkten. Es sind entscheidende Zeiten, und ich weiß, das sagt man immer. Aber dieses Mal sind wir gefühlt tatsächlich vor einem Wandel, der uns als Gesellschaft für Jahrzehnte prägen wird.

Q: Deine Arbeit wirkt in SPIEGELKRIEGER sehr politisch – sie ist nah an aktuellen Krisen, Gewalt, gesellschaftlichen Brüchen. Wie gelingt dir dabei die Balance zwischen Kunst und Stellungnahme?

A: Die Gedichte kommen, wie sie geschrieben werden wollen und auch sollen, in ihrem jeweiligen Moment. So, wie Kreativität geschehen will, wann immer sie es entscheidet, und dabei hat nicht der Künstler das Sagen. Die Themen in dem Manuskript sind akut, sie sind absolut notwendig, sie sind Projektionsflächen und Reflektoren zugleich. Und diese Themen müssen in ein Bewusstsein, in unserem als Gesellschaft, sonst erstarren wir weiter, und ich als Künstler wehre mich dagegen.

Q: Bedeutet das, dass du das Publikum beim Schreiben völlig ausblendest?

A: Wenn ein Künstler weiß, wie solch einer Balanceakt gelingt, dann agiert er aus Berechnung. Und ich will das für meine Kunst nicht. Sie soll impulsiv sein, etwas auslösen, anregen und, wenn möglich, bewegen, womit sie nachhaltig wird. Und das ist mein Versuch, wenn ich an einem Projekt arbeite, mehr nicht.

Q: Und was entscheidet dann über das Thema, das du in einem Gedichtzyklus bearbeitest?

A: Ich entscheide es nicht, sondern der Ausgangspunkt selbst, das Thema, das nach Ausdruck verlangt. Und in diesem Manuskript vereinen sich diese Themen durch die Figuren, die sie ansprechen, durchleben und auch hinter sich lassen.

Q: Deine Figuren wirken oft wie Spiegel, wie Stimmen, die aus einer kollektiven Erfahrung sprechen. Wie gehst du an ihre Perspektiven heran?

A: Ich begebe mich immer in die Perspektive der Figur. Ich schreibe so, wie das Dringliche sich aus deren Sicht darstellen könnte, und nicht aus der Vorstellung heraus, wie das Publikum es aufnehmen könnte. Ich mag und will keine Berechnung in meiner Kunst. Würde es danach gehen, dann bräuchte ich nur über schöne und banale Dinge und Themen schreiben, weil mir klar ist, dass politische Literatur erstmal mit Abstand begegnet wird und raue, unschöne Begebenheiten am liebsten gemieden werden, auch von einem breiteren Publikum. Das Leben ist sorgenvoll genug, dann wollen die meisten Menschen damit nicht auch noch auf intellektuelle Weise beschallt werden. Traurig, aber wahr.

Q: Und doch entsteht dadurch eine Form von Gemeinsamkeit.

A: Jede Stimme in dem Band erzählt eine eigene, individuelle Geschichte, wie sie unzählig in unserer Gesellschaft gelebt und durchlebt, ja, gar durchgestanden werden. Jede Figur in den Texten ist also ein Spiegelbild von dem, wer wir einzeln oder im Kollektiv sind. So sehr sie voneinander parallel getrennt erscheinen, sind sie aber das, was wir in einem Gemeinsam darstellen.

Q: Heißt das, du siehst SPIEGELKRIEGER auch als dein politischstes Werk?

A: Es sind die politischsten Texte, die ich je schrieb, ja. Aber ich weiß nicht, wann oder wie ich sie veröffentliche. Ich denke, es braucht erstmal kein neues Buch von mir, und vielleicht rede ich in drei Monaten schon gar nicht mehr von diesem Projekt. Aber in der Zeit seiner Entstehung und jetzt unmittelbar danach ist es das dringlichste, was ich künstlerisch zu sagen habe.

Q: Rückblickend – wie schaust du heute auf diesen Sommer zurück, in dem das Manuskript entstand?

A: Es ist ganz einfach: Diese Texte mussten geschrieben werden. Der Moment ihrer Notwendigkeit musste festgehalten werden. Er konnte nicht einfach unbeachtet vergehen.

Q: Und was bleibt nun, nachdem die Arbeit getan ist?

A: Meine Kunst geschieht in den Augenblicken, wenn sie geschehen will, ja, wenn sie gesagt sein muss. Alles, was wir haben, ist das Jetzt. Und was wir als Gesellschaft gefühlt nur noch übrig haben, sind Risse, die kaum noch zu kitten scheinen, Mauern, und Brücken, die immer weniger geschlagen werden. Jedoch denke ich, dass diese Texte nachhallen werden, ob veröffentlicht oder nicht. Sie sind ja in dieser Welt. Sie sind ja da, schwarz auf weiß. Sie werden gefunden werden – so oder so.

 

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